an X11 keyboard layout for scholars of old germanic

diss, how-to, linguistik, linux, uni, vgs — 21.11.2009

as an historical linguist dealing with old germanic languages, i need a convenient way to input special characters on my computer. since I want to be able to use these characters across all my applications (text editor, office suite, email-client, browser), a per-application solution is not a good idea. a better approach is to change the keyboard layout system wide. luckily, this can be achieved easily on a linux system by customizing one of the predefined X11 keyboard layouts. in my case, i came to the conclusion that it was best to modify the existing keyboard layout definition for us-english (called “us”) by adding a new “layout variant“, which i decided to call “altgr-gmc”. as you can see, every key is bound to four different characters. the characters on the right side of every key can be accessed by using AltGr (bottom right) and AltGr+SHIFT (top right) as modifiers.

here's what i came up with (click for a larger image):
altgr-gmc keyboard layout

the distribution of characters across the keyboard is somewhat arbitrary, though i tried to keep compatibility to “altgr-intl” if possible, and i strived to make the rest as intuitive as possible (r-sounds on the r-button, combining diacritical mark for a stroke below on the hyphen-button, since it sort of looks like a little rotated hyphen etc.).

if you want to give it a try, follow these instructions (root permissions required for all steps):

  1. adding the new layout variant
    open the file /usr/share/X11/xkb/symbols/us and append these lines at the end of it.
  2. enabling it in X11
    edit /usr/share/X11/xkb/rules/evdev.xml and add the following lines at a suitable position (e.g. after the entry for “altgr-intl”):

            <variant>
              <configItem>
                <name>altgr-gmc</name>
                <description>for Old Germanic</description>
                <languageList><iso639Id>eng</iso639Id>
                              <iso639Id>fra</iso639Id>
                              <iso639Id>ger</iso639Id></languageList>
              </configItem>
            </variant>

    you may also want to make a corresponding change in /usr/share/X11/xkb/rules/evdev.lst for consistency's sake (it doesn't seem to be required).

  3. setting it as system default
    open /etc/default/console-setup and set XKBVARIANT to "altgr-gmc". make sure that the variable XKBLAYOUT points to the file that you modified in step 1 ("us")
  4. restart your computer

(this was all done on a xubuntu 9.10 system. should also work on any other recent ubuntu installation.)

a few problems remain, mostly related to the handling of combining diacritical marks. contrary to my initial plans, i ended up refraining from the use of “dead keys” in favour of using combining diacritical marks throughout. this happened for consistency's sake. in general, i prefer to use precomposed characters (which is what the “dead keys” give you), but since precomposed characters are not available for all the desired combinations, it's unavoidable to use combining diacritical marks in some cases, and because of that it seemed better to me to use the latter throughout. of course it would be best to have a “fall back strategy”, so that precomposed characters will be used whenever possible, and combining diacritical marks elsewhere. such a solution doesn't seem possible currently, however, since you can only use a key either as a “dead key” (which will give you no character at all in the case that you choose an unavailable combination) or to have it produce a combining diacritical mark.

a second thing that's been irritating me is that the handling of combining diacritical marks seems to be very inconsistent across applications and fonts. strangely, changing the font of my text editor does not only change the way the marks are displayed in the editor window (sometimes combined, sometimes simply next to each other), but it can also (in some cases) change the order in which i need to input the base letter and the modifier: depending on the current font, i sometimes have to type the diacritical mark before and sometimes after the letter i want to modify... isn't that odd?

another issue is that stacking diacritical marks is messy. often, the marks will end up being superimposed on each other instead of being stacked. it's basically a matter of trial and error to see what will work and what won't :(

so here's a sample of what you can do with “altgr-gmc”, including some fancy (but not always neatly typeset) stacked diacritical marks:

altgr-gmc-sample

links:
http://people.uleth.ca/~daniel.odonnell/Blog/custom-keyboard-in-linuxx11
http://www.mufi.info/ Medieval Unicode Font Initiative
http://unicode.org/charts/
http://unicode-search.net
http://en.wikipedia.org/wiki/Unicode

sprachwandel

linguistik, vgs — 23.10.2009

diese woche habe ich einen vortrag von george dunkel über 'evolution in der sprache' gehört. ein zentraler punkt war, wie man sich denken kann, das phänomen sprachwandel, und dunkel sprach bei der suche nach ursachen in erster linie von prestige. er argumentierte, man beginne, anders zu sprechen, weil man cool klingen wolle; die motivation sei im wesentlichen dieselbe wie wenn man sich neue jeans oder ohrringe zulege. von prestige sprechen auch viele lehrbücher, wenn sie sprachwandel behandeln. weitere faktoren, welche in solchen einführungsbüchern zur sprachgeschichte gerne genannt werden, sind: sprachökonomie (ziel: effizienteres sprechen), neubildungen aufgrund von innovationen (neue sachen brauchen neue namen), mehr oder weniger zufällige variation. manche forscher machen ausserdem “außersprachliche[] Faktoren” verantwortlich (von polenz zitiert nach schmid 2007:11), andere betonen eine finalität (zielgerichtetheit) in der sprachentwicklung (coseriu zitiert nach schmid 2007:11f.). ferner wurde vorgeschlagen, die sprachliche entwicklung als eine “Lösung von Widersprüchen im Sprachsystem und/oder in der sprachlichen Kommunikation” zu sehen (langner zitiert nach schmid 2007:14).

nun möchte ich diese punkte nicht abstreiten, meine aber doch, dass sie weitgehend an der sache vorbeizielen. prestige, sprachökonomie, neubezeichnungen aufgrund von innovationen etc. spielen sicherlich eine rolle, aber m.e. nur eine untergeordnete. wie ich mir die ursachen des sprachwandels selber vorstelle, ist im folgenden diagramm ersichtlich.

sprachwandel

ursachen für sprachwandel

der entscheidende punkt ist also, dass die sprache ein arbiträrer code ist, der täglich millionenfach für die codierung und decodierung von äusserungen verwendet wird. dabei passieren notwendigerweise eine menge fehler, sowohl beim sprechen (codieren) wie auch - und dies halte ich für besonders wichtig - beim hören (decodieren). da ein hörer sich nicht bewusst ist, dass er etwas missverstanden hat, wird er seine interpretation als korrekten sprachgebrauch auffassen und so weiterverwenden - so entsteht neuer sprachgebrauch. der zentrale motor des sprachwandels ist also die reanalyse und neuinterpretation von sprachlichen äusserungen im kopf des hörers. sprachwandel kann somit m.e. am besten als die konventionalisierung von sprachlichen fehlern und missverständnissen beschrieben werden.

referenz
schmidt, w.: geschichte der deutschen sprache. stuttgart, 2007

harsdörffers lehralphabet

linguistik, schriftsysteme, uni — 18.10.2009
georg philipp harsdörffer, frauenzimmer gesprächspiele V, 1644-49, S. 180-182.

georg philipp harsdörffer, frauenzimmer gesprächspiele V, 1644-49, S. 180-182. (bild und kommentar bei: hundt 2000:227)

bei der obigen abbildung handelt es sich um ein lehralphabet, dass aus den schriften des nürnberger dichters harsdörffer stammt und auf die mitte des 17. jh. zurückgeht. die idee ist es, das lernen der buchstaben zu erleichtern, indem man sich jeweils ein schlüsselwort einprägt, so dass die durch dieses wort bezeichnete sache (gegenstand/tier) von der form her an den zu lernenden buchstaben erinnert. für das w merkt man sich beispielsweise das wort wurm, und wenn man sich dann das geringelte tier vor dem geistigen auge vorstellt, erinnert man sich, wie der buchstabe <W> auszusehen habe. genauso funktioniert es mit einem aal für das <A>, mit einem gedärme für das <G> usw.

das zugrundliegende prinzip, nach dem jedem schriftzeichen ein mit diesem zeichen beginnender ‘name’ zugeordnet wird, nennt man das akrophonische prinzip. es ist seit langer zeit ein bewährtes didaktisches hilfsmittel und war u.a. schon den germanen eine mnemotechnische stütze, um die runenzeichen zu memorisieren (ᚠ f: , *fehu ‘vieh, besitz’; ᚢ u: *ūruz ‘auerochse’ usw.).

interessant ist nun, dass es genau dieses akrophonische prinzip war, das in der geschichte der schrift überhaupt erst zur ausbildung von buchstaben geführt hat. aller anfang von schrift war zunächst piktographisch; kleine ‘zeichnungen’ von gegenständen sollten die dinge repräsentieren, die mit ihnen gemeint waren, im stil einer bilderschrift. als zweiter schritt fand ein übergang zu einem ikonographischem system statt, indem die zeichen abstrakter, stärker konventionalisiert, und damit sprachgebunden wurden. dies lässt sich einerseits an der entwicklung der keilschrift, andererseits an der ägyptischen hieroglyphenschrift (abbildung unten) gut nachvollziehen. war dieser zustand einmal erreicht, konnten die zeichen auch einen lautwert erhalten, indem sie - eben nach dem akrophonischen prinzip - für den anfangslaut des bezeichneten wortes stehen konnten. das resultat waren buchstaben mit lautwerten, wie wir sie uns heute gewohnt sind.

entwicklung der hieroglyphenschrift

entwicklung der hieroglyphenschrift (bildquelle: coulmas 1989:69)

solche lehralphabete wie dasjenige von hausdörffer stellen also eine art rückkehr zu den ursprüngen der schrift dar, indem eine art “re-piktographisierung” der abstrakt gewordenen buchstabenformen vorgenommen wurde. da die ursprünglichen buchstabennamen längst vergessen waren, erfand man neue, indem man das akrophonische prinzip gewissermassen “rückwärts” anwendete: zu den bereits bestehenden buchstaben erfand man neue ‘namen’ dazu, um den einstmal vorhandenen direkten bezug zwischen zeichenform und gemeinter sache wiederherzustellen.

referenzen
coulmas, f.: the writing systems of the world. oxford 1989.

hundt, markus: "spracharbeit" im 17. jahrhundert: studien zu georg philipp harsdörffer, justus georg schottelius und christian gueintz. berlin 2000.

how to read runic inscriptions

how-to, linguistik, vgs — 22.08.2009
  1. make yourself comfortable in your living room and drink a bottle of wine (or two)
  2. by the time you finish the wine, you probably had at least one brilliant idea about the meaning of the inscription (which you only had a brief look at on a blurry, black and white photograph)
  3. flip through some old germanic dictionaries looking for words that might fit your interpretation. don't worry if the words don't look like the words in the inscription - you will see how to fix that in the next two steps
  4. make some wild phonological and morphological assumptions required to make the words you want to read look more like what is actually on the stone/object. feel free to use any endings you may find in any of the germanic languages, and combine them with any stem you may seem fit. if you can't find the endings you need, you simply make up new ones and call them "old variants inherited from PIE" (cite some arbitray sanskrit forms to prove that these endings really existed). if you run into chronological problems, simply claim that the archeological dating must be wrong, or rearrange the established chronology of sound laws in any way you please.
  5. make any further assumptions needed for your interpretation. choose from among the following:
    • you may read any single rune as a "begriffsrune", no matter if it stands separately, at the beginning, the end, or even in the middle of a word
    • don't worry about word boundaries: you may read them as i-runes whenever it suits your needs, declare them as scratches or just ignore them altogether
    • conveniently, ornaments can always be read as runes and vice versa
    • feel free to ignore any runes, even if they are clearly visible, add elements (twigs, crooks) to existing runes, or claim that you can see runes, even if there is nothing there on the photograph to justify it. If you are still in need of an additional rune, you can claim that the rune master simply forgot to write it. you may also replace any rune with another one and call it a "misspelling". remember: doubts are best covered up by bold claims!
  6. call any remaining parts of the inscription "magical words"
  7. publish!

scan: jellinek, geschichte der gotischen sprache, 1926.

copyright, linguistik, uni, vgs — 27.07.2009

max hermann jellinek, bekannter österreichischer germanist und philologe, starb im jahr 1938. wenn man zu seinem todesjahr die urheberrechtsschutzfrist von 70 jahren dazuzählt, landet man beim jahr 2008 - seine publikationen sind also seit letztem jahr gemeinfrei. aus diesem grund kann ich hier einen scan seiner "geschichte der gotischen sprache" legal zum download anbieten:

jellinek, max hermann: geschichte der gotischen sprache. berlin, 1926. (S. 1-101)
jellinek, max hermann: geschichte der gotischen sprache. berlin, 1926. (S. 102-209)

und hier gibt es das t-shirt dazu.

sprachwandel nach a. s. diamond

etymologie, gelesen, linguistik — 7.05.2009

da der zeitpunkt, zu dem die menschliche sprache entstanden ist, sehr weit
in der vorgeschichte zurückliegt, werden wir nie eine sichere
antwort auf die frage haben, wie dieser vorgang genau abgelaufen
ist. das hat die leute aber nicht davon abgehalten, trotzdem die
verschiedensten sprachursprungstheorien zu entwickeln - allesamt
hochgradig spekulativ, aber dafür sehr originell. mittlerweile ist
die disziplin sogar so beliebt geworden, dass sie einen eigenen namen
erhalten hat: die glottogonie.

meine liebste sprachursprungstheorie ist nun die von einem herrn diamond
(1959:258ff). er ist der ansicht, dass am anfang der sprachentwicklung
geräusche standen, die man bei kräftigen bewegungen des arms
unwillentlich von sich gibt. bei verschiedenen arbeitstätigkeiten (er
nennt schneiden, brechen, zerquetschen, schlagen) hätten die menschen
aufgrund der anstrengung verschiedene geräusche produziert, die dann mit
der entsprechenden verbalhandlung assoziert worden seien. um anderen
menschen gegenüber klar zu machen, welche verbalhandlung man meint,
konnte man dann das jeweilige geräusch nachahmen. daraus
hätte sich durch präzisierung usw. eine richtige sprache entwickelt. am
anfang hätten dann genau die vier oben genannten verben gestanden, weil
diese einen "maximum arm effort" erforderten, also besonders anstrengend
waren und deshalb mit einem hörbaren geräusch einhergingen. diese wörter wären also die ältesten, und dies meint diamond sogar aufgrund der ältesten belegten sprachstufen nachweisen zu können.

na, überzeugt...? ;]

referenz

diamond, a. s.: the history and origin of language. london 1959.

QUIZ der vergleichenden germanischen sprachwissenschaft

etymologie, linguistik, uni, vgs — 8.04.2009

pünktlich zu ostern ist das grosse QUIZ der vergleichenden germanischen sprachwissenschaft aus dem ei geschlüpft. es besteht aus insgesamt 100 fragen aus dem bereich altgermanistik, historische sprachwissenschaft sowie geschichte und kultur der germanen, mit ansteigendem schwierigkeitsgrad. wer es bis zur letzten frage schafft, darf sich mit fug und recht "grosswesir der VGS" nennen!

fragen, rückmeldungen, kritik usw. bitte als kommentare zu diesem blog-post hinterlassen.

ich wünsche allen viel spass beim knobeln :)

goth. liugan

linguistik, vgs — 5.04.2009

gothic liugan means ‘to marry’, but it also means ‘to lie’.

coincidence? ;)

OE fīfte healf hund

linguistik, vgs — 2.04.2009

i've been asked for help to translate the OE expression fīfte healf hund. numerals can be tricky! for example, in old germanic (especially ON) the word for 'hundred' often does not mean 100 but 120 (!), the so called Grosshundert, which is, by the way, not to be confused with the gros, which is 12 * 12 = 144). another example of odd counting are the danish numerals partly based on a vigesimal system and - surprisingly - still in use today.

to find the correct translation for fīfte healf hund, i looked through the entry for 'healf' in the bosworth/toller dictionary [1], and among some weird stuff i found the following two clear OE/Latin translation pairs that should allow to come to a certain conclusion:

ðridda half haga = duas possessiunculas et tertiam dimedia

fīfte healf hund = quadringenti et quinquaginta

the first example means something along the lines of 'two and a half residences', and the second case is clearly 450.

the correct way to read the phrase is therefore: "fīfte healf" = 4.5, and then times 100, with the result 450.

references
[1] Bosworth, J. & Toller, T. N.: An Anglo-Saxon Dictionary. Oxford 1898. 2 volumes.

link
http://lexicon.ff.cuni.cz/png/oe_bosworthtoller/d0520.png

die 7 tugenden eines wissenschaftlers*

linguistik, uni — 27.03.2009

vorsicht, neugier, zweifel, sorgfalt, übersicht, gründlichkeit, beharrlichkeit.

bonustugend: klare, knappe ausdrucksweise.

(* generisches maskulinum)

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