mit schneller, gross genuger festplatte

linguistik — 21.04.2011

gross genuger?

für die meisten muttersprachler tönt diese formulierung wohl ziemlich schief. eine suche im www zeigt jedoch, dass sie gar nicht so selten ist: für gross genuger findet google 78 treffer, für gut genuger (schauspieler/tänzer/coach/…) 170 stück, und für genuger alleine sogar >3,800. nun eignet sich das www bekanntlich nur bedingt als corpus, aber die zahlen sind doch so hoch, dass es sich um mehr als nur einige zufallstreffer handeln muss.

stein des anstosses für unser sprachgefühl ist, dass -er eine adjektivendung ist, die eigentlich nicht an adverbien wie genug angehängt werden kann. sie bezeichnet im konkreten fall den dativ singular eines femininen, bestimmten adjektivs. es heisst langer, gelber, krummer, aber nicht †gerner, †balder, †allerdingser oder eben †genuger. die konstruktion entbehrt aber nicht einer gewissen grammatischen logik: hier wurde anstelle von gross die durch ein adverb modifizierte variante gross genug eingesetzt, folglich muss es im dativ nicht gross-er sondern [gross genug]-er heissen.

das beispiel zeigt, dass flexion keineswegs auf einzelne wörter beschränkt ist. offenbar können die sprecher auch eine ganze phrase, wenn sie syntaktisch die funktion eines adjektivs hat, wie ein adjektiv flektieren.

dieses zunächst vielleicht überraschend wirkende phänomen entpuppt sich im sprachvergleich allerdings nicht als etwas aussergewöhnliches – es gibt diverse parallelfälle, von denen ein besonders bekannter der englische genitiv ist. im englischen heisst es:

John’s sandwich
my mother’s sandwich
the king and queen of Sweden’s sandwich

aus den beispielen geht ganz klar hervor, dass sich der ‘s-genitiv jeweils auf die gesamte nominalphrase und nicht bloss auf ein einzelnes substantiv bezieht:

[John]‘s sandwich
[my mother]‘s sandwich
[the king and queen of Sweden]‘s sandwich

aus diesem grund haben manche forscher gemeint, es handle sich dabei gar nicht mehr um einen kasus (genitiv) sondern um eine allgemeinere form von possessivmarkierung. doch wieso sollte sich eine kasusmarkierung bloss auf ein einzelnes substantiv beziehen können? die neubewertung des englischen genitivs als possessivmarker erscheint mir unnötig.

man kann sich denken, dass diese formulierungen im englischen zunächst einen ähnlich zweifelhaften status hatten wie heute gross genuger im deutschen. heute sind sie allerdings allgemein akzeptiert und werden in jeder englischen grammatik beschrieben.

im deutschen sind gross genuger und gut genuger derzeit sicher selten und würden von vielen muttersprachler (und vielen lehrpersonen ;] ) vermutlich als “falsch” abgelehnt. aber die konstruktion füllt eine echte lücke (wie würde man es sonst sagen? mit gross genug seiender festplatte?) und es spricht im prinzip nichts dagegen, dass sie sich dereinst im deutschen ausbreiten und zu einer geläufigen und allgemein akzeptierten ausdrucksweise werden könnte.

update 23. mai 2011
ich wurde freundlicherweise darauf hingewiesen, dass es bei henzen (deutsche wortbildung, 3. auflage, tübingen 1965) §167.5 weitere (z.t. dialetktale) beispiele für adverbien gibt, die zu adjektiven umfunktioniert wurden: ein teilweiser erfolg, schrittweises vorgehen, mit kaumer not. mein persönlicher liebling ist ein ab-er knopf (= ein knopf, der ab ist).

während

etymologie,linguistik — 8.04.2011

nun noch zur präposition/konjunktion während. die entstehung dieses wortes wird dann verständlich, wenn wir es mit dem heute etwas altmodisch klingenden und eher selten gebrauchten verb währen im sinn von ‘(an)dauern’ in verbindung bringen, z.B. in der krieg währte dreissig jahre. ist diese verbindung einmal etabliert, kann während formal problemlos mit dem präsenspartizip zu diesem verb identifiziert werden (so wie spielend zu spielen oder singend zu singen). wie aber kann es dazu gekommen sein, dass sich auf grundlage eines präsenspartizips eine präposition/konjunktion entwickelt hat?

vermutlich hat man an formulierungen wie in der zeit währender kriege oder nach dreissig jahre währendem krieg zu denken, die als in der zeit während der kriege bzw. während dem krieg missverstanden werden konnten. man hat also wohl aufgrund einer falschen segementierung gemeint, bei den wortauslauten -der und -dem handle es sich um den bestimmten artikel. in dieser analyse musste während als eine temporale präposition erscheinen, und als solche kam sie dann auch in allgemeinen gebrauch.

auch im fall von während ist es also möglich, durch den vergleich mit daten aus der gegenwartssprache, in diesem fall konkret durch die anknüpfung an das verb währen ‘(an)dauern’, etwas über die geschichte des wortes zu erfahren.

dieser beitrag beschliesst meine mini-serie zur etymologie.

referenzen
kluge, f. & seebold, e. (2002): etymologisches wörterbuch der deutschen sprache. berlin. 24. auflage.
pfeifer, w. (1997): etymologisches wörterbuch des deutschen. münchen. 3. auflage.

fertig

etymologie,linguistik — 1.04.2011

ein etwas schwierigerer fall ist fertig. die meistens muttersprachler können das wort vermutlich spontan nicht direkt an anderes wortmaterial anschliessen. dennoch ist die erklärung des wortes eigentlich relativ naheliegend; als hindernis entpuppt sich vor allem die orthographie. hält man sich einmal die (hochdeutsche) aussprache vor augen (bzw. ohren), ist es nicht allzu schwierig, auf eine verbindung zu fahren, fahrt und fähre zu schliessen. würde das wort (etymologisch richtig) fährtig geschrieben, wäre der zusammenhang sogar offensichtlich. das wort hängt mit fahren oder genauergesagt mit dem abstraktum fahrt zusammen: es ist ein von letzterem abgeleitetes adjektiv mit der ausgangsbedeutung ‘zur fahrt bereit, beweglich’. man kann sich vorstellen, dass es zunächst für einen zur abfahrt bereit gemachten wagen, eine zu transportierende ware, eine reisebereite person oder etwas in der art benutzt wurde, bevor es in seiner bedeutung verallgemeinert und für ‘bereit’ im generellen sinn, später auch für ‘abgeschlossen’ oder ‘erledigt’ verwendet wurde.

die verbindung zu einer bedeutung ‘befördern, transportieren’ zeigt sich noch in dialektalem sprachgebrauch. im bündner-walserischen etwa gibt es heute noch das gängige verb fergge(n) im sinn von ‘bringen, befördern’. dieses muss von fertig abgeleitet worden sein, als es noch die ältere bedeutung ‘transportbereit’ hatte. das neuhochdeutsche fertigen, das ihm strukturell genau entspricht, bedeutet dagegen ‘herstellen’ und stammt folglich aus einer zeit, wo fertig bereits den übergang von ‘zur fahrt bereit’ zu ‘bewerkstelligt, fertig, gemacht’ vollzogen hatte.

nächste woche: während.