lesen und auflesen

etymologie,linguistik — 17.03.2011

im anschluss an den letzten beitrag zum wort bisschen versuche ich wiederum an einem beispiel zu zeigen, wie man durch nachdenken über die sprache etwas über ihre geschichte lernen kann. diesmal geht es um das wort lesen ‘schrift interpretieren’. für sich alleine genommen verrät es wenig über seine herkunft, doch gibt es verwandtes wortmaterial, das uns erahnen lässt, wie lesen zu seiner heutigen bedeutung gekommen sein kann. ich denke dabei an die wörter auflesen und auslesen. in diesen zwei verben steckt offensichtlich das selbe wort -lesen drin, jeweils mit einer vorsilbe (präfix) versehen. die bedeutung unterscheidet sich aber grundlegend. mit der interpretation von schrift hat weder auflesen noch auslesen etwas zu tun – stattdessen geht es hier darum, ‘etwas vom boden aufzunehmen, aufzusammeln’ bzw. ‘etwas auszuwählen, etwas (aus einer menge) herauszupicken’. angenommen, die präfixbildungen hätten eine ältere bedeutung bewahrt, ergibt sich für das verb lesen ein anschauliches bild: nämlich das ‘aufnehmen’ oder ‘aufsammeln’ von buchstaben und wörtern. und tatsächlich eklären sich die etymologen die bedeutungsentwicklung des wortes auf diese oder eine ähnliche weise. dabei dürfte auch das lateinische verb legere eine rolle gespielt haben, das ein ganz ähnliches bedeutungsspektrum hatte und damit im verdacht steht, das vorbild für das deutsche lesen im sinn von ‘schriftzeichen interpretieren’ gewesen zu sein.

auch in anderen fällen lässt sich zeigen, dass präfixverben eine ältere wortbedeutung bewahren, während das wort, wo es ohne präfix vorkommt, einen bedeutungswandel durchgemacht hat. zum beispiel dürfen. das wort ist heute ein modalverb, das in erster linie im bedeutungsfeld ‘erlaubnis haben’ anzusiedeln ist. dass es nicht immer diese bedeutung gehabt hat, zeigt das präfixverb bedürfen – es weist auf eine ausgangsbedeutung ‘nötig haben’, die auch vom abgeleiteten substantiv bedarf und vom adjektiv bedürftig gefordert wird. übrigens hängt auch darben ‘mangel leiden’ damit zusammen, wenn auch die verwandtschaft in diesem fall etwas weniger direkt ist. dürfen hat also eine bedeutungsveränderung von ‘nötig haben’ zu ‘erlaubnis haben’ erfahren, die sich vermutlich in negierten sätzen entwickelte (‘hat nicht nötig’ → ‘muss nicht, soll nicht’ → ‘hat keine erlaubnis zu’). bedürfen hat dagegen den älteren stand bewahrt.

damit ist gezeigt, dass die bedeutungsentwicklung von lesen durch einen vergleich mit den präfixverben auflesen und auslesen erschlossen werden kann, weil die präfixverben eine ältere bedeutung erhalten haben – ein phänomen, für das sich bei dürfen und bedürfen eine parallele fand.

nächste woche: fertig.

bisschen und schlückchen

etymologie,linguistik — 4.03.2011

jeden tag verwenden wir sprache, ohne gross darüber nachzudenken, was es mit den wörtern und sätzen, die wir gebrauchen, auf sich hat. warum sagen wir so und nicht anders? im alltag ist diese frage unwichtig – sprache ist konvention, und als solche können wir sie nutzen, ohne sie zu hinterfragen.

wer sich aber die zeit nimmt, über seine sprache nachzudenken, kann einiges über sie und ihre geschichte in erfahrung bringen. es ist sogar recht erstaunlich, wie weit man ganz ohne etymologische wörterbücher und historische grammatiken kommt (obwohl – wer es genau wissen will kommt um diese natürlich nicht herum).

nehmen wir das wort bisschen. bei genauerem hinsehen ist das wort für jeden muttersprachler völlig durchsichtig: es ist eine verkleinerungsform mit -chen zu einem substantiv biss, das seinerseits vom verb beissen abgeleitet ist. die ursprüngliche bedeutung lässt sich als ‘kleiner bissen’ erschliessen. wie aber kommt es zur heutigen verwendung als adjektiv oder adverb mit der bedeutung ‘eine kleine menge’ (ein bisschen geld) oder ‘in geringem mass’ (ein bisschen zu spät)? auch dies ist nicht schwer zu erkennen: die heutige verwendung von bisschen wird ihren ursprung in sätzen gehabt haben, wo es um eine kleine menge von etwas essbarem ging, z.b. ein bisschen brot oder ein bisschen torte. in solchen sätzen konnte das wort bisschen statt als ‘ein kleiner bissen’ auch schlicht als eine ‘eine kleine menge von etwas’ aufgefasst werden, und dies erlaubte, das wort auch für ein bisschen wasser oder ein bisschen zeit zu verwenden, obwohl dort der bezug zu ‘beissen’ nicht mehr gegeben war. von dort war es nur noch ein kleiner schritt, das wort auch für tätigkeiten zu gebrauchen, die ‘in geringem mass’ stattfanden (ich fror ein bisschen).

man kann sich vorstellen, dass etwas paralleles auch mit schlückchen hätte passieren können, d.h. dass man ausgehend von phrasen wie ein schlückchen wein formulierungen wie ein schlückchen geld oder ich fror ein schlückchen hätte kreieren können. offenbar gab es aber kein bedürfnis dafür, noch ein weiteres wort für ‘eine kleine menge von etwas’ zu schaffen. so befinden wir uns also heute in der etwas paradoxen situation, zwar ein bisschen wein, nicht aber ein schlückchen brot zu uns nehmen zu können.

nächste woche: lesen und auflesen.