sprachwandel

linguistik, vgs — 23.10.2009

diese woche habe ich einen vortrag von george dunkel über 'evolution in der sprache' gehört. ein zentraler punkt war, wie man sich denken kann, das phänomen sprachwandel, und dunkel sprach bei der suche nach ursachen in erster linie von prestige. er argumentierte, man beginne, anders zu sprechen, weil man cool klingen wolle; die motivation sei im wesentlichen dieselbe wie wenn man sich neue jeans oder ohrringe zulege. von prestige sprechen auch viele lehrbücher, wenn sie sprachwandel behandeln. weitere faktoren, welche in solchen einführungsbüchern zur sprachgeschichte gerne genannt werden, sind: sprachökonomie (ziel: effizienteres sprechen), neubildungen aufgrund von innovationen (neue sachen brauchen neue namen), mehr oder weniger zufällige variation. manche forscher machen ausserdem “außersprachliche[] Faktoren” verantwortlich (von polenz zitiert nach schmid 2007:11), andere betonen eine finalität (zielgerichtetheit) in der sprachentwicklung (coseriu zitiert nach schmid 2007:11f.). ferner wurde vorgeschlagen, die sprachliche entwicklung als eine “Lösung von Widersprüchen im Sprachsystem und/oder in der sprachlichen Kommunikation” zu sehen (langner zitiert nach schmid 2007:14).

nun möchte ich diese punkte nicht abstreiten, meine aber doch, dass sie weitgehend an der sache vorbeizielen. prestige, sprachökonomie, neubezeichnungen aufgrund von innovationen etc. spielen sicherlich eine rolle, aber m.e. nur eine untergeordnete. wie ich mir die ursachen des sprachwandels selber vorstelle, ist im folgenden diagramm ersichtlich.

sprachwandel

ursachen für sprachwandel

der entscheidende punkt ist also, dass die sprache ein arbiträrer code ist, der täglich millionenfach für die codierung und decodierung von äusserungen verwendet wird. dabei passieren notwendigerweise eine menge fehler, sowohl beim sprechen (codieren) wie auch - und dies halte ich für besonders wichtig - beim hören (decodieren). da ein hörer sich nicht bewusst ist, dass er etwas missverstanden hat, wird er seine interpretation als korrekten sprachgebrauch auffassen und so weiterverwenden - so entsteht neuer sprachgebrauch. der zentrale motor des sprachwandels ist also die reanalyse und neuinterpretation von sprachlichen äusserungen im kopf des hörers. sprachwandel kann somit m.e. am besten als die konventionalisierung von sprachlichen fehlern und missverständnissen beschrieben werden.

referenz
schmidt, w.: geschichte der deutschen sprache. stuttgart, 2007

harsdörffers lehralphabet

linguistik, schriftsysteme, uni — 18.10.2009
georg philipp harsdörffer, frauenzimmer gesprächspiele V, 1644-49, S. 180-182.

georg philipp harsdörffer, frauenzimmer gesprächspiele V, 1644-49, S. 180-182. (bild und kommentar bei: hundt 2000:227)

bei der obigen abbildung handelt es sich um ein lehralphabet, dass aus den schriften des nürnberger dichters harsdörffer stammt und auf die mitte des 17. jh. zurückgeht. die idee ist es, das lernen der buchstaben zu erleichtern, indem man sich jeweils ein schlüsselwort einprägt, so dass die durch dieses wort bezeichnete sache (gegenstand/tier) von der form her an den zu lernenden buchstaben erinnert. für das w merkt man sich beispielsweise das wort wurm, und wenn man sich dann das geringelte tier vor dem geistigen auge vorstellt, erinnert man sich, wie der buchstabe <W> auszusehen habe. genauso funktioniert es mit einem aal für das <A>, mit einem gedärme für das <G> usw.

das zugrundliegende prinzip, nach dem jedem schriftzeichen ein mit diesem zeichen beginnender ‘name’ zugeordnet wird, nennt man das akrophonische prinzip. es ist seit langer zeit ein bewährtes didaktisches hilfsmittel und war u.a. schon den germanen eine mnemotechnische stütze, um die runenzeichen zu memorisieren (ᚠ f: , *fehu ‘vieh, besitz’; ᚢ u: *ūruz ‘auerochse’ usw.).

interessant ist nun, dass es genau dieses akrophonische prinzip war, das in der geschichte der schrift überhaupt erst zur ausbildung von buchstaben geführt hat. aller anfang von schrift war zunächst piktographisch; kleine ‘zeichnungen’ von gegenständen sollten die dinge repräsentieren, die mit ihnen gemeint waren, im stil einer bilderschrift. als zweiter schritt fand ein übergang zu einem ikonographischem system statt, indem die zeichen abstrakter, stärker konventionalisiert, und damit sprachgebunden wurden. dies lässt sich einerseits an der entwicklung der keilschrift, andererseits an der ägyptischen hieroglyphenschrift (abbildung unten) gut nachvollziehen. war dieser zustand einmal erreicht, konnten die zeichen auch einen lautwert erhalten, indem sie - eben nach dem akrophonischen prinzip - für den anfangslaut des bezeichneten wortes stehen konnten. das resultat waren buchstaben mit lautwerten, wie wir sie uns heute gewohnt sind.

entwicklung der hieroglyphenschrift

entwicklung der hieroglyphenschrift (bildquelle: coulmas 1989:69)

solche lehralphabete wie dasjenige von hausdörffer stellen also eine art rückkehr zu den ursprüngen der schrift dar, indem eine art “re-piktographisierung” der abstrakt gewordenen buchstabenformen vorgenommen wurde. da die ursprünglichen buchstabennamen längst vergessen waren, erfand man neue, indem man das akrophonische prinzip gewissermassen “rückwärts” anwendete: zu den bereits bestehenden buchstaben erfand man neue ‘namen’ dazu, um den einstmal vorhandenen direkten bezug zwischen zeichenform und gemeinter sache wiederherzustellen.

referenzen
coulmas, f.: the writing systems of the world. oxford 1989.

hundt, markus: "spracharbeit" im 17. jahrhundert: studien zu georg philipp harsdörffer, justus georg schottelius und christian gueintz. berlin 2000.

der stein von hogganvik

vgs — 3.10.2009

in hogganvik (nähe mandal) im äussersten süden norwegens wurde vor wenigen tagen ein stein mit einer runeninschrift im älteren futhark entdeckt. mit 63 zeichen gehört sie zu den längsten inschriften aus dieser periode; nur noch der stein von tune hat eine vergleichbare länge. anzeichen dafür, dass es sich um eine fälschung handeln könnte (was man stets in betracht ziehen muss), scheint es bisher nicht zu geben. in der presse liest man von einer datierung um 400, was vermutlich rein auf den formen der runenzeichen beruht (vgl. das alte e mit gerader verbindung zw. den stäben).

über die lesung wissen wir noch nicht sehr viel. dank einigen aufgetauchten fotos steht aber ausser frage, dass die inschrift aus vier linksläufigen zeilen besteht. die längste steht oben am stein, entlang der kante. zwei der unteren zeilen beginnen mit ek ‘ich’. besonders auffällig ist das auftreten einer p-rune in der vierten zeile, da diese rune ansonsten in der älteren zeit meines wissens nur in futhark-inschriften vorkommt. das -p- war im germanischen ein ausgesprochen seltener laut.

das bisher beste bild:

stein von hogganvik, bild: frans-arne stylegar

stein von hogganvik, bild: frans-arne stylegar

in der zeile 1 lässt sich fast nichts erkennen. die zeile zwei könnte eknaudigastiR lauten (was auch in der presse so wiedergegeben wurde), also ‘Ich, Notgast (Personenname)’. in der zeile drei sehe ich ekeraf..., in der vierten aarpaa...

das ist aber alles ganz unsicher, und man muss vorerst schlicht und einfach abwarten, bis bessere abbildungen bzw. berichte der norwegischen runologen vorliegen.

updates folgen!