glottopedia

linguistik — 8.09.2008

recently, some linguists have come up with a project called glottopedia, which aims to be something like a specialised wikipedia for linguists, written by linguists. the editors in chief (martin haspelmath and sven naumann) have been promoting the project on various linguist mailinglists. i appreciate their initiative on this, but quite frankly, i don't see what glottopedia can offer which wikipedia can't. in fact, i think some of the decisions made when starting glottopedia were wrong. here's why:

  • glottopedia isolates linguistic knowledge from other knowledge, while wikipedia intergrates it. i think it's a major advantage of wikipedia that all information is embedded into a huge, universal encyclopedia. if you read, say, an article on 'laryngals' in wikipedia, it will let you click on 'larynx' and read all about its anatomical features etc. - that's a feature, not a bug.
  • glottopedia restricts contributors to people with an academic background. i think this is a very bad concept, because (1) the equation academics = good contributors, non-academics = bad contributors just isn't right, and (2) wikipedia only works so well because of its open contribution model, and because so many people coming from different backgrounds work together on wikipedia. i don't believe glottopedia can rally enough contributors with such an 'elitist' policy, and even if it should turn out that the articles which get written are of better quality (which i'm not sure would be the case), the trade-off of having few contributors, few authors per article, and weak coverage won't be worth it.
  • glottopedia is directed at 'linguists only'. that seems to imply that laymen have fundamentally different needs wrt an encyclopedia compared to academics. i don't think that's true. both want information, and both want it to be presented in an accessible way. so where's the difference, really? and who decides where the border between 'professional' and 'laymen' knowledge is? (e.g. glottopedia has articles on the infinitive or natural language - not exactly the type of concept you need a PhD to write something clever about it)

well, we'll see what happens to glottopedia, but personally i'd rather contribute to wikipedia instead.

Ad-kardinalien und Ad-adjektive

Nach den Guidelines des Stuttgart Tübingen Tagsets für das Tagging deutscher Text müsste man rund, gut oder knapp in den folgenden Beispielen als Adverb taggen (S. 57f):

rund zwei Kilo Staub
gut zwei Drittel der Teigmasse
knapp vierzig Personen

Kann mir jemand erklären, was daran "adverbial" sein soll? M.E. beziehen sich diese Modifikatoren sowohl syntaktisch wie auch semantisch eindeutig auf den Quantifikator (Kardinalzahl). Die syntaktische Verbundenheit lässt sich durch Satzumformungen und Ersetzungsprobe zeigen: Ich liege in rund zwei Kilo Staub. Rund zwei Kilo Staub sollten reichen. Sie sollten reichen. Dies zeigt, dass rund zwei Kilo Staub eine Nominalphrase ist. Auch die semantische Verbindung von rund und zwei ist einsichtig: Es ist die Quantität zwei, die mit rund näher spezifiziert wird, weil tatsächlich vielleicht nur 1.9 oder sogar 2.1 Kilo vorliegen. Eine Verbindung zu einem Verb, was durch die Bezeichnung als "Ad-verb" nahe gelegt wird, ist m.E. weder syntaktisch noch semantisch gerechtfertigt. Sollte man sie also nicht besser "Ad-Kardinalien" nennen?

Tagging als Adverb verlangen die Leute hinter STTS übrigens auch im folgenden, vielleicht eher diskutablen Fall:

es sind weit mehr als 100 Gäste

Aber ist es nicht auch hier so, dass weit mehr näher zu als 100 Gäste gehört als zum Verb? In meinen Augen ist weit mehr als 100 Gäste jedenfalls die sinnvollere Einheit als es sind weit mehr.

Schwer entscheidbar bezüglich Wortart sind auch modifizierende Partikel zu Adjektiven, wie in den folgenden Fällen, wo die STTS Guidelines ebenfalls eine Bestimmung als Adverb fordern:

es war ganz dunkel
die Pfanne ist sehr heiss [dieser Fall steht so nicht direkt in den Guidelines, LT]

Also "Ad-Adjektive"? ;D

der digitale graff

danke googles buch-suche kann man sich nun den gesamten althochdeutschen sprachschatz von graff (erster theil, zweiter theil, dritter und vierter theil, fünfter theil, sechster theil) in digitaler form online anschauen, und nach wunsch sogar als PDF herunterladen. google stellt bücher, deren copyright abgelaufen ist, frei im internet zur verfügung. das OCR ist natürlich grössenteils schrott, aber zum teil erkennt es doch einige wörter korrekt, so dass man - mit etwas glück - ein bestimmtes wort per volltextsuche auffinden kann. danke, google!

Ἅρειος Ποτήρ

here's your chance to learn ancient greek with an easy and fun text. the translator maintains a special homepage dedicated to the book, where he provides convenient notes to the first two chapters, and a comprehensive vocabulary. since his pages are not really printer-friendly, and he uses some weird font which you might not want to bother to install, i prepared PDFs from the notes and the vocabulary: notes to chapter 1, notes to chapter 2 and the vocabulary. have fun :)

programmiersprachen und sprachen

gerade habe ich das buch 'eine kleine geschichte der sprache' von steven roger fischer gelesen (2. auflage 2004; engl. original aus dem jahr 1999). es ist ein nettes kleines büchlein, das einen sehr allgemeinen und für laien ausgericheten überblick über die entstehung der sprache, über die sprachwissenschaft, die wichtigsten sprachfamilien, sprachtypologie etc. bietet. natürlich kratzt der autor bei den einzelnen themengebieten nur an der oberfläche, doch liegt dies in der natur eines solchen buches, das auf ein breites, nicht ausgebildetes publikum zielt. im teil zu den germanischen sprachen, den ich aufgrund meiner ausbildung beurteilen kann, hat es zwar einige ungenauigkeiten und fehler drin (z.B. kann man altnordisch nicht als die 'ursprüngliche germanische sprache' bezeichnen, S. 132), aber es ist nichts allzu schlimmes dabei.

allerdings, und dies ist der grund für meinen blog post, bin ich in einem punkt ganz und gar nicht mit fischer einverstanden: nämlich damit, dass er programmiersprachen immer wieder mit natürlichen sprachen in einem atemzug nennt, und damit die grundlegenden unterschiede zwischen beiden missachtet. um es auf den punkt zu bringen: programmiersprachen sind überhaupt keine sprachen. sie haben, wenn man es genau nimmt, in einem linguistischen einführungsbuch über die geschichte der sprache nichts verloren.

zwei punkte mögen genügen, um dies zu klären:

  • es sind verschiedene definitionen von 'sprache' denkbar, aber man kommt in keinem fall um die grundlegende feststellung herum, dass die sprache ein medium für die kommunikation ist. das trifft zu bei gesprochener sprache, bei geschriebener sprache, bei gehörlosensprachen, und, wenn man will, sogar bei der pheromon-kommunikation von insekten und anderen tieren. bei programmiersprachen trifft dies aber gerade nicht zu. programmiersprachen ermöglichen keine kommunikation. oder hast du dich schon einmal mit einem computer in java unterhalten? hat er vielleicht eine frage von dir mit einigen zeilen python beantwortet? natürlich nicht, denn programmiersprachen dienen einem ganz anderen zweck: sie sind konstrukte, um komplizierte berechnungen an einem computer effizient und übersichtlich beschreiben zu können. von einer kommunikation zwischen mensch und computer kann somit keine rede sein. mit einer maschine kann man lediglich interagieren, aber nicht kommunizieren. für die kommunikation braucht es einen gleichwertigen gesprächspartner.
  • wenn die sprachwissenschaft zu einer grundlegenden einsicht gekommen ist, was das wesen der sprache betrifft, dann ist es die, dass sich sprachen im verlaufe der zeit verändern. gerade dieser fundamentale satz trifft bei programmiersprachen aber nicht zu - jedenfalls nicht in der gleichen art wie bei natürlichen sprachen, wo sich ein wandel der sprache ohne bewusstes eingreifen einer 'normativen kraft' vollzieht. programmiersprachen können zwar von ihren erfindern überarbeitet werden, doch hat dies mit sprachwandel gar nichts zu tun.

in meinen augen ist die benennung von programmiersprachen als 'sprachen' nur eine metapher, die aufgrund von einigen oberflächlichen eigenschaften (z.B. dass beide eine syntax haben) zustande gekommen ist. damit sollte aber nur gesagt werden, dass c++, assembler, fortran und java so etwas ähnliches wie sprachen sind, aber keineswegs, dass es sich tatsächlich um sprachen handelt. aussagen in der art, dass computer miteinander "sprechen" könnten, dass sie programmiersprachen "benutzten" und dass dies ganz ähnlich wie bei der kommunikation zwischen mensch und tier ablaufen solle (alles nachzulesen auf s. 223), sind total irreführend und zeugen von einem grundsätzlichen unverständnis darüber, was programmiersprachen sind und wie sie funktionieren.

formulierungsperlen

Hin und wieder stösst man beim Lesen auf Formulierungen, die so gut sind, dass sie eine Auszeichnung verdient hätten. Deshalb führe ich auf meinem Blog nun eine solche Auszeichnung ein!

Die doink.ch-Formulierungsperlen-Auszeichnung #00 möchte ich Jürgen Untermann für seine Bezeichnung der Beziehung zwischen der Illyriologie und dem Illyrischen als

zirkuläre Definitionskatastrophe

verleihen!

(Quelle: Artikel Zu den Begriffen 'Restsprache' und 'Trümmersprache' im RGA Ergänzungsband Nr. 3: Germanische Rest- und Trümmersprachen)

Die doink.ch-Formulierungsperlen-Auszeichnung #01 geht an Stefan Schaffner, der die Heranziehung von Laryngalen zur Erklärung gewisser grammatischen Phänomene der germanischen Sprachen als

"zauberstab-laryngalistische" Erklärungen

ablehnt.

(Quelle: Schaffner, Stefan: Das Vernersche Gesetz und der innerparadigmatische grammatische Wechsel des Urgermanischen im Nominalbereich. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft 103. Innsbruck 2001. S. 57.)

Als

ein undeutbares Namenungetüm

bezeichnet Hermann Reichert die Form Adgandestrii bei Tacitus (Reichert, Hermann: Die Bildungsweise der frühen germanischen Personennamen. In: Linguistica et Philologica. Gedenkschrift für Björn Collinder. Wien 1984. S. 361)

doink.ch ganz neu

meta

ich habe mich entschlossen, doink.ch radikal umzubauen. ich möchte mich ab jetzt so gut es geht auf linguistische themen und speziell alles rund um meine dissertation beschränken. einige der interessanteren posts werde ich in naher zukunft hierherverschieben. nostalgiker finden hier noch das alte doink.ch im originalzustand.

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